Quarantäne

18. Oktober 2009

Sie müssen ziemlich feige sein, denn einzeln tun sie uns nichts. Erst, wenn sich mindestens zehn von ihnen zusammen schließen, fallen sie über uns her. Wir haben keine Waffen gegen sie. Wir können sie nur töten, wenn wir uns regelmäßig und gründlich die Hände waschen. Wenn wir unsere Umgebung möglichst gut desinfizieren. Wenn wir Speisen auf 95°C abkochen.

Mancher nennt sie Kreuzfahrerviren, denn sie lieben Kreuzfahrtschiffe. Gefährdet sind aber auch alle anderen Orte, an denen massenhaft Alte und Kranke zusammen kommen. Deren Körper ist nämlich schwächer, so dass der auftretende Flüssigkeitsverlust zu Komplikationen, wenn nicht sogar zum Tode führen kann.

Wir können sie nicht mit bloßem Auge sehen. Wenn sie uns gekriegt haben, merken wir das aber. Man stelle sich vor: Der Kreuzfahrer steht sterbenselend an der Reeling und weiß nicht, welchen Körperteil er am besten darüber hängen soll, den Kopf oder den Allerwertesten, denn überall kommt es raus, und zwar ununterbrochen. Irgendwann wünscht der Kreuzfahrer sich nur noch, zu sterben. Diesen Wunsch vergisst er zwar spätestens nach zwei Tagen, aber irgendwie ist doch die schöne Kreuzfahrt ruiniert. Den anderen beim Reihern zuzusehen versaut einem nämlich die Aussicht. Und nur, weil die kleine Küchenhilfe sich vermutlich mal wieder nicht die Hände gewaschen hat… Ich an Stelle des Kreuzfahrers wäre jedenfalls sauer. Ist ja auch teuer, so was. Den Rest des Beitrags lesen »

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Praxis

16. Oktober 2009

„Ich sags ehrlich: NPD und Linke haben wir gewählt.“

Halb zehn vormittags. Rauchpause auf dem Hof. Es ist kalt. Eben noch bin ich von einem Bein auf das andere gehüpft. Jetzt stehe ich still und mustere die Kollegin. NPD???

Sie ist ein bisschen pummelig. Die Augen sind das Schönste an ihr, vor allem, wenn sie lacht. Keine Intelligenzbestie. Bauernschlau. Freundlich, offen, manchmal zu langsam, dafür sehr genau. Sie beisst sich immer irgendwie durch. Noch dieses Praktikum und eine Prüfung, dann hat sie ihren Pflegebasiskurs geschafft. Genau so einen will ich auch machen. Ich kann mir vorstellen, dass sie mal besser ist als ich. Zumindest im Praktischen.

Muss der Freund sein, denke ich.

In der nächsten Pause stehen wir beide wieder zusammen. Sie zeigt mir ein Foto von ihrem Freund. Offenes Gesicht, breites Lachen, Schnauzer, Kind auf dem Arm. Sympathisch.

Ich schaue auf das Foto, dann wieder auf sie. Dann wieder auf das Foto. Wo ist die Glatze? Die Bomberjacke, die Springerstiefel? Und was soll das mit dem Kind?

Ich hebe den Kopf und sehe sie an. Sie sieht mich auch an, verunsichert, und plötzlich fällt mir auf, dass ich seit einer halben Minute schweige.

„Sicher ein lustiger Typ.“, sage ich verlegen.

„Ja.“, erwidert sie und lacht. „Das ist er.“


Wozu arbeiten…

11. Oktober 2009

Neuerdings gehe ich wieder gern auf Parties.

Was arbeitest du denn?, ist meine Lieblingsfrage an Unbekannte. Denn ich hoffe auf die Gegenfrage.

Das war lange nicht so. Ich habe die Frage gehasst. Immer musste ich sagen: Ich – ähem – befinde mich in – ähem – einer Phase der beruflichen Umorientierung.

Wozu arbeiten, fragt dieser Artikel in einem anderen WP-Blog. Es folgen Zahlenspielereien, die beweisen sollen, dass sich Arbeit nicht mehr lohnt. Vor allem nicht für Familien mit Kindern. Den Rest des Beitrags lesen »


Schreien

10. Oktober 2009

Jeder in unserem Haus kennt sie, wenigstens vom Hören. Kaum jemand weiß, wie sie aussieht. Bis vorgestern wusste ich es auch nicht. Da wurde sie in den Aufenthaltsraum geschoben. Im Pflegerolli. Ich erkenne sie an ihrem Schrei.

Komm heeeeeer…

Ich setze mich zu ihr. Sofort beruhigt sie sich und greift nach meiner Hand. Aber ein Gespräch ist schwierig, sie hört schlecht. Ich beuge mich ganz nah zu ihr. Versuche es am linken Ohr, am rechten Ohr. Kein Unterschied. Nur, wenn ich schreie, versteht sie mich. Das ganze Haus lauscht unserer Unterhaltung. Den Rest des Beitrags lesen »


Off Topic: Quiz

8. Oktober 2009

Ordne die Zitate richtig zu!

Film 1: Verarmung in Deutschland (Playlist, 5 Teile auf youtube)

Film 2: Die Elite (ebenfalls youtube, muss man aber selber die Teile zusammensuchen. Der erste reicht vielleicht auch…)

Und los gehts!

„Hartz IV das impliziert ja immer, .. äh … dass die Eltern nich viel auf’m Kasten haben. Isses nich so?“ Den Rest des Beitrags lesen »


Ganz eigennützig… Sanktionen wegbloggen!

7. Oktober 2009

Hast du…

…schon mal eine Eingliederungsvereinbarung unterschrieben? Pro Monat mindestens fünf Bewerbungen abgeschickt, egal, ob dich die Stellen interessierten? Täglich einen Anwesenheitsbeleg unterschreiben lassen? Dich bei einer sinnlosen Qualifizierung gelangweilt? Dich, bevor du am Wochenende zu deiner Oma ins nächste Dorf fährst, beim JobCenter abgemeldet?

Warum eigentlich? ? ?

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Eine Petition im Bundestag gibts auch. Unterzeichnen, bitte!


Gummibärchen

7. Oktober 2009

Im Festsaal steht ein Müllsack, einer von den großen blauen, der ist bis zur Hälfte voll mit hübsch eingewickelten Süßigkeiten. Kaubonbons. Schokolade. Gummibärchen.  Ob ich mal probiere? Aber wenn ich mir was davon nehme, und sei es nur ein Gummibärchen, bin ich meinen Job los.

Die Bewohner haben ein Fest gefeiert. Ich räume auf, wasche ab, poliere Gläser und Besteck. Immer wieder bleibt mein Blick an dem Müllsack hängen.

Wenn ich ein Gummibärchen nehme und mich sieht jemand, bin ich meinen Job los.

Wir dürfen uns nichts von dem nehmen, was für die Bewohner da ist. Kein Mittagessen und auch sonst nichts. Kann man ja auch verstehen. So was schädigt das Heim.

Wenn ich ein Gummibärchen nehme und mich sieht jemand und er sagt’s weiter, bin ich meinen Job los. Den Rest des Beitrags lesen »